Wissen
Geschichte & Herkunft
Das Tarot beginnt nicht in einem Tempel, sondern an einem Spieltisch. Erst Jahrhunderte später wird aus dem Kartenspiel ein Werkzeug der Deutung.
Ein Kartenspiel für den Hof
Im Norditalien des 15. Jahrhunderts — Mailand, Ferrara, Bologna — lässt der Adel aufwendig gemalte Kartendecks anfertigen, jedes Blatt ein kleines Gemälde in Deckfarben und Blattgold. Die berühmtesten sind die Visconti-Sforza-Karten um 1450. Gespielt wird damit Tarocchi, ein Stichspiel in der Familie von Bridge und Skat. Die 22 Bildkarten, die wir heute Große Arkana nennen, sind darin schlicht die höchsten Trümpfe.
Von Wahrsagerei keine Spur. Das Tarot ist zweihundert Jahre lang ein Gesellschaftsspiel, das quer durch Europa wandert und dabei regionale Muster ausbildet.
Die esoterische Wende in Frankreich
1781 behauptet der Pariser Gelehrte Antoine Court de Gébelin, das Tarot sei in Wahrheit ein verschlüsseltes ägyptisches Weisheitsbuch, das die Katastrophe von Alexandria überdauert habe. Historisch ist daran nichts haltbar — aber die Idee zündet. Kurz darauf macht ein Mann namens Jean-Baptiste Alliette, der sich rückwärts „Etteilla“ nennt, das Kartenlegen zum bezahlten Beruf.
Ein knappes Jahrhundert später verknüpft der Okkultist Éliphas Lévi die 22 Trümpfe mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets und mit dem kabbalistischen Baum des Lebens. Diese eine Verknüpfung ist das Fundament, auf dem fast alles Spätere steht.
Marseille, Golden Dawn und Rider-Waite-Smith
In Frankreich setzt sich ab etwa 1650 ein Standard durch, das Tarot de Marseille — grobe Holzschnitte, kräftige Farben, und eine Kleine Arkana, die nur Zeichen zeigt: vier Stäbe, sieben Münzen, keine Szene.
1888 gründet sich in London der Hermetic Order of the Golden Dawn, ein magischer Orden, der Kabbala, Astrologie und Tarot zu einem lückenlosen Entsprechungssystem verwebt. Aus diesem Kreis kommen die prägenden Figuren der Moderne. Arthur Edward Waite und die Illustratorin Pamela Colman Smith veröffentlichen 1909 das Rider-Waite-Smith-Deck. Ihre Neuerung klingt klein und verändert alles: Auch jede der 56 kleinen Karten bekommt eine erzählende Szene. Damit wird das Deck ohne Vorwissen lesbar — der Grund, warum es bis heute das meistverbreitete ist. Wenig später malt Frieda Harris nach Anweisungen von Aleister Crowley das dichtere Thoth-Deck, den anderen großen Strang der Moderne.
Tarodemie liegt das Rider-Waite-Smith-Deck zugrunde. Nicht nur, weil es das bekannteste ist, sondern weil seine Schutzfrist abgelaufen ist: Die Bilder sind gemeinfrei und dürfen frei verwendet werden.